Fehntjer Zeitgeist: Segensreiche Tätigkeit von Pastor Stellwagen endete nach 51 Jahren

Gruß aus Rhaude (Postkarte)

Zu Zeiten unserer Urgroßeltern hatten die Pastoren, Lehrer und der Dorfgendarm in ländlichen Gegenden eine hohe gesellschaftliche Stellung, quasi als Vertreter des Staates. Da die Kirche damals noch eine sehr bedeutende Institution im religiösen, moralischen und oft auch im sozialen Leben der Dörfer spielte, genossen vor allem die Pastoren ein hohes Ansehen.

Zudem hatten sie durch ihre Bildung und ihre Position in der Schulaufsicht auch eine gewisse gesellschaftliche Autorität. Häufig engagierten sie sich in sozialen Bereichen, unterstützten Bedürftige und kannten die Schäfchen ihrer Gemeinde gut.

Diese Beschreibung traf auch auf Pastor Enno Gerhard Stellwagen zu, der vor 130 Jahren am 5. Mai 1895 im altehrwürdigen Kirchdorf Rhaude starb. Geboren wurde er am 1. August 1812 in Rhaude als viertes von zehn Kindern des Pastors Enno Christian Wilhelm Stellwagen und dessen Frau Imke Catrina geb. Schomerus, einer Apothekerstochter aus Norden.

Pastor Enno Gerhard Stellwagen war 51 Jahre lang von 1844 bis 1895 als Seelsorger in Rhaude tätig.

Pastor Enno Gerhard Stellwagen war 51 Jahre lang von 1844 bis 1895 als Seelsorger in Rhaude tätig.
Foto überlassen von H. Hahn/Repro: Groeneveld

 

Über die Studienzeit von Enno Gerhard ist nichts bekannt. Seine erste Seelsorgerstation war in Dornum, wo er 1838 die zweite Pfarrstelle übernahm. Kurz nachdem sein Vater am 13. März 1844 gestorben war, wurde er als Pfarrer in Rhaude gewählt. Zwei Jahre später, im März 1846 heiratete er Rebecke Pauline Hoppe, die gebürtig aus Norden stammte. Nach ihrem Tod heiratete er 1851 Anna Maria Hoppe. Insgesamt hatte Pastor Stellwagen sechs Kinder.

Als Pastor wirkte Enno Gerhard Stellwagen insgesamt 51 Jahre lang in Rhaude. Dies war auch für damalige Zeiten eine außergewöhnlich lange Amtszeit. Neben seiner segensreichen seelsorgerischen Tätigkeit wurde in den Nachrufen auch darauf hingewiesen, dass er die „Reil-Stiftung“ gegründet hatte. Es war sein Plan, so schrieb das Leerer Anzeigeblatt am 9. Mai 1895 „für Sieche, Kranke, Vereinsamte und Blödsinnige eine Zufluchtsstätte zur errichten, wo all’ diese Armen eine Heimath haben sollten - ein Gedanke, welcher den Stifter als wahren Menschenfreund in seiner ganzen Größe erkennen läßt.“

Bei dieser Reil-Stiftung, die nach Rhaudes bekanntesten Sohn, dem bedeutenden und reformorientierten Arzt, Anatom, Psychiater und Philosophen Johann Christian Reil (*1759 †1813) benannt wurde, handelte es sich um eine Einrichtung, welche man in etwa zwischen Armenhaus und Altersheim einstufen könnte. Untergebracht war dieses erste „Reilstift“ ab 1869 in einem landwirtschaftlich genutzten Gebäude, welches noch heute an der Hauptstraße zwischen Marienheil und Collinghorst steht.

Finanziert werden sollte das soziale Projekt hauptsächlich durch den Erlös aus Obstverkäufen. Hierfür wurden einige Hundert Obstbäume im „Reilgarten“ angepflanzt. Pastor Stellwagen bemühte sich daher, den Obstanbau in Ostfriesland heimischer zu machen, was ihm einen Ruf als geschätzten Pomologen einbrachte. Leider war die finanzielle Situation der Reil-Stiftung alles andere als sicher, so dass im Jahr 1886 ihr Ende kam.

Am 10. Mai 1895 wurde Pastor Stellwagen in Rhaude beerdigt. Laut dem Leerer Anzeigeblatt erwiesen ihm 600 bis 700 Menschen in einem stattlichen Trauerzug die letzte Ehre. Die Trauerrede hielt Pastor Johann Heinrich Voß aus Westrhauderfehn und die Leichenpredigt Superintendent Carl H. Schaaf (Potshausen). Weiter erwähnte die Zeitung, dass die Leichenfeier durch die Gesänge der Schulkinder unter der Leitung der Hauptlehrer Goudschaal (Rhaude) und Meinen (Holterfehn) verschönert wurden. Als Nachfolger von Stellwagen wurde Pastor Georg Friedrich Schaaf aus Hesel im Oktober 1895 gewählt. 

Diese dreigeteilte Ansichtskarte „Gruß aus Rhaude“ wurde um 1917 an die Landwirtsfamilie B. Massmann in Backemoor versandt. Neben der Gastwirtschaft von Witwe G. Tammling ist oben rechts der Wagenweg mit Blick auf das Pfarrhaus zu sehen, in welchem die Familie von Pastor Stellwagen gewohnt hat. Unten links ist das mittelalterliche Rhauder Gotteshaus mit Kirchturm abgebildet.
Foto überlassen vom Verein Overledinger Geschichte e.V./Repro: Groeneveld

Von Frank Groeneveld